Vorwort
Pädagogische Ziele und Besonderheiten
- Gruppenzusammensetzung
- Bildungsarbeit
2 Vorwort
Sozialgesetzbuch – Kinder und Jugendhilfe:
§ 1 Abs. 1 SGB VIII
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“
Im Waldkindergarten Pfullingen wird jedem Kind die Möglichkeit geboten, sich zu einer eigen-verantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu entwickeln.
Waldkindergarten, was bedeutet das eigentlich?
Für das Kind bedeutet er
- die Freiheit, sich ohne räumliche Grenzen im Spiel zu entfalten,
- die Natur in ihrer Vielseitigkeit mit allen Sinnen wahrzunehmen und
- all diese Erfahrungen in einer liebevollen Atmosphäre machen zu können.
Den Erziehern/Erzieherinnen ist vor allem wichtig, jedes Kind in seiner Individualität und in der jeweiligen Situation wahrzunehmen und ihr pädagogisches Handeln danach auszurichten. Die kleinen Gruppen bieten dem Kind einen geschützten Rahmen, um den Wald zu entdecken und durch Erfahrungen Selbstvertrauen zu erwerben.
Durch das frühe Kennenlernen der Natur, entwickeln die Kinder eine Naturverbundenheit, die zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit ihr führt.
Durch das nichtvorhandene vorgefertigte Spielzeug, lernen die Kinder im Wald ihre Fantasie einzusetzen und zu improvisieren.
Der Waldkindergarten bietet dem Kind, abgesehen von einer breiten Palette an Entwicklungs-möglichkeiten, eine stille, wohltuende und jeden Tag wunderschöne Umgebung.
Die folgende Konzeption legt detailliert dar, wie der Waldkindergarten Pfullingen organisiert ist und welche pädagogischen Ziele er verfolgt.
3 Pädagogische Ziele und Besonderheiten
3.1 Gruppenzusammensetzung
3.1.1 Altersgemischte Gruppen
Es gibt im Waldkindergarten Pfullingen zwei altersgemischte Großgruppen, die „Eulen“ und die „Grashüpfer“, mit maximal 16 Kindern pro Gruppe im Kindergartenjahr 2008/2009 (ab dem Kindergartenjahr 2009/2010 maximal 15 Kinder) zwischen zwei Jahren bis Schuleintritt.
3.1.2 Altershomogene Gruppen
Um auch die Stärken der jeweiligen Alters- und Entwicklungsgruppen einmal besonders hervorheben zu können, werden an einem Tag in der Woche die beiden Gruppen vormittags miteinander gemischt. Es werden drei altershomogene Kleingruppen mit ca. 10 Kindern pro Gruppe gebildet, nämlich die „Eichhörnchen“ (für die Kleinsten), „die Milane“ (für mittlere Kinder) und „die Salamander“ (für ältere Kinder, insbesondere Vorschüler). Hier können nun besondere altersspezifische Aktivitäten angeboten werden.
3.1.3 Zweijährige
Der Waldkindergarten Pfullingen bietet die Besonderheit, dass Kinder ab dem zweiten Geburtstag den Kindergarten besuchen können. Es hat sich gezeigt, dass die Aufnahme zweijähriger Kinder auch im Wald gut zu verwirklichen ist. Den Kindern dieses Alters ist die Möglichkeit gegeben, ihr erwachendes Interesse anderen Kindern gegenüber auszuleben. Durch den guten Betreuungsschlüssel kann den Kindern besondere Zuwendung und eine langsame Hineinführung in den Gruppenalltag ermöglicht werden. So lernen diese Kinder schon früh,
die sozialen Strukturen einer Gruppe kennen, z.B. wie Freundschaft ,,funktioniert``.
3.1.4 Vorschüler
Um den Übergang vom Kindergarten zur Grundschule zu erleichtern, findet für Vorschüler ein spezieller Vorschulnachmittag in einer angemieteten Wohnung in Pfullingen statt.
3.2 Bildungsarbeit
Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg hat einen „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten/Pilotphase“ ( ©2006 Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1. Auflage 2006-04-28) herausgegeben, der die Bildungsstandards der Kindergärten festlegen soll. Seit Anfang 2006 geht dieser Orientierungsplan in eine dreijährige Erprobungsphase mit wissenschaftlicher Begleitung. Verbindlich wird der ggf. weiterentwickelte Orientierungsplan für alle Kindergärten Baden-Württembergs im Kindergartenjahr 2009/10. Die Grundlage des Orientierungsplanes bildet die „Vereinbarung zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Tageseinrichtungen für Kinder in Baden-Württemberg“ (Anhang „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen
Kindergärten/Pilotphase“), unterzeichnet von Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Sozialministerium, kommunalen Landesverbänden, kirchlichen und sonstigen Trägerverbänden in Baden-Württemberg am 30. Juli 2004 in Stuttgart, sowie der „Gemeinsamer Rahmen der
Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“, ein Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13. und 14. Mai 2004 in Gütersloh, der die Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen und verschiedene Bildungsbereiche differenziert beschreibt.
Zitat „Vereinbarung zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Tageseinrichtungen für Kinder in Baden-Württemberg“: „ [ … ] Ganzheitliche Förderung ist deshalb pädagogisches Prinzip in Kindertageseinrichtungen und trägt den individuellen Entwicklungen und Potenzialen der Kinder Rechnung. Spielen und Lernen sind insbesondere bei kleinen Kindern untrennbar miteinander verbunden. Kinder sind in ihrem Forschergeist, ihrer spielerischen Entdeckerfreude und Erfindungsgabe sowie in ihrer Freude am Lernen ernst zu nehmen. Kinder brauchen in ihrer Art, die Welt zu entdecken, zu verstehen und zu deuten verlässliche, zum Dialog fähige Erwachsene, die sie akzeptieren, in ihrer Entwicklung begleiten und gezielt fördern. Eine
anregungsreiche Umgebung, in der Kinder von – und miteinander spielend lernen können, unterstützt die entwicklungsangemessene Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit. Vielfalt und Unterschiedlichkeit in der Kindergruppe eröffnen Bildungschancen.“
Zitat „Vereinbarung zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Tageseinrichtungen für Kinder in Baden-Württemberg“: „Im Vordergrund der Bildungsbemühungen im Elementarbereich steht die Vermittlung grundlegender Kompetenzen und die Entwicklung und Stärkung persönlicher Ressourcen, die das Kind motivieren und darauf vorbereiten, künftige Lebens- und Lernaufgaben aufzugreifen und zu bewältigen, verantwortlich am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ein Leben lang zu lernen.“
Die Waldpädagogik kannmit ihren kleinen Gruppen und dem hohen Betreuungsschlüssel in besonderem Maße eine ganzheitliche und individuelle Förderung der Kinder gewährleisten. Die unmittelbaren Naturerlebnisse und die Gruppenarbeit bei Waldprojekten helfen, Zusammenhänge zu erkennen, Wissen zu bewerten und emotionale und soziale Mängel auszugleichen. Der Lernort „Wald“ fördert durch anregende Umgebung und wohltuende Stille sowohl die Aneignung von reinem Wissen, z.B. über Tiere und Pflanzen, als auch Schlüsselqualifikationen wie Konzentrationsfähigkeit, Ausgeglichenheit, Motivation und Lernfähigkeit der Kinder.
Bei einer ganzheitlichen Förderung können Bildungsbereiche nicht nebeneinander stehend betrachtet werden. Vielmehr sind körperliche, geistige, emotionale, soziale und ethische Bereiche ineinander verflochten. Sie sind gemeinsam für die Entwicklung der Kinder wichtig und bedingen sich gegenseitig. So fördert Bewegung nicht nur die motorische Entwicklung. Sie regt gleichzeitig die Verknüpfung von Synapsen im Gehirn an und fördert dadurch die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes, beispielsweise die räumliche Vorstellungskraft. Dennoch soll nachfolgend auf einzelne Bildungsbereiche näher eingegangen werden.
3.3 Bildungsbereiche
3.3.1 Körperliche Entwicklung und Gesundheit
● Motorik
Beispiel (1) für eine Spielsituation
Dinosaurier sind gerade ein großes Thema in einer Gruppe 4-6 jähriger Jungen. Man will "Langhals-Dinosaurier" bauen. Das nötige Material ist den "älteren" schnell klar. Sie kennen eine Stelle im Wald wo sich offensichtlich nachts die Wildschweine suhlen. Dort hat der Lehmboden eine Ton ähnliche Beschaffenheit. Um möglichst schnell und direkt ans Ziel zu kommen, wählen die Jungen den Weg durch ein dichtes Kiefernwäldchen, an dessen Ende, wenn man es auf geradem Weg quert, das "Schlammloch" liegt. Unterholz und umgeknickte Bäume müssen über- oder unterwunden werden. Am Ende des Unterholzes angekommen, ist nach kurzer gemeinsamer Suche das Matschloch schnell gefunden. Jeder rollt sich nun eine große Lehmkugel für den Transport zu einer Lichtung mit Baumstümpfen, wo gebaut werden soll. Dort wiederum wird schnell klar, dass für die gewünschten langen Hälse und Schwänze mit Stöcken ein dicker Rumpf stabilisiert werden muss. Hierzu werden die Stöcke mit Sägen und Messern zurechtgemacht. Vielfältige "Langhals-Dinos" entstehen unter Mithilfe der Erzieherin, beim Stabilisieren und Anordnen der Gliedmaßen. Mit Steinchen vom Waldwegund kleinen Hagebutten wird vereinzelt noch an Details wie Schuppen, Hörner oder Augen gefeilt. Dann transportiert jeder seine "Beute" auf großen Rindenstücken via Waldweg zurück zum Treffpunkt und später nach Hause.
Grobmotorik
Im Waldkindergarten macht die Natur die Angebote. Sie fördert unauffällig und natürlich den ganzen Menschen in seiner motorischen Entwicklung.
Gefragt sind - wie in Beispiel (1) auf dem Weg zum „Schlammloch“ - komplexe Bewegungsabläufe beim Überwinden von Hindernissen, Balancieren, Klettern, Rutschen, Rollen und Rennen im Gelände, die Gleichgewichts- und Lagesinn und Bewegungsempfindung anregen. Wer "geübt" ist, kann seine Ziele schneller und direkter, oder einfach auf amüsantere Art und Weise, erreichen. Die Motivation der Kinder, sich ausgiebig und auf unterschiedliche Weise zu bewegen, ist im Freien deutlich größer als in Räumen.
Grenzerfahrungen und gute Körperwahrnehmung sind beim Erleben des Geländes jederzeit in kleinen Schritten möglich. Beharrlichkeit und Ausdauer werden beim Erforschen von Tieren, Pflanzen und Plätzen mit Entdeckungen und neuen Erkenntnissen belohnt. So entsteht über eine selbstverständliche Bewegungssicherheit im Lebensraum Wald auch Selbstvertrauen und Vertrautheit mit der Natur.
Feinmotorik
Ein großer Bereich des Waldkindergartens ist das Werken, dem meist das Sammeln vorausgeht. Den Kindern steht eine Werkzeugausrüstung bestehend aus z. B. Säge, Bohrer, Messer, Schnüre, Hammer, Nägel und Schaufel zur Verfügung, mit der die Kinder verantwortlich und sicher umzugehen lernen. In Verbindung mit den im Wald vorzufindenden Materialien, wie Stöcke, Rinde, Lehm, Samen, Körner, Blätter, etc. ergeben sich endlose Möglichkeiten, fantasiereich zu formen, zu erfinden, zu bauen und zu basteln, um so ganzheitlich und variabel feinmotorisches Geschick zu erlangen.
● Gesundheit
Aufenthalt im Freien
Da die Kinder sich im Freien viel bewegen, wenn sie von einem Ort zum anderen gehen, rennen, hüpfen (siehe Grobmotorik) wird Haltungsschäden, Übergewicht und Folgeerkrankungen, wie z.B. Diabetes, vorgebeugt sowie das Herz- Kreislauf-System gestärkt.
Der ständige Aufenthalt in der frischen Luft stärkt das Immunsystem und kann Beschwerden von Asthma, Neurodermitis und Allergien lindern. Auch auf psycho-somatische Krankheiten kann sich der Aufenthalt im Wald positiv auswirken.
Ernährungserziehung
Die Kinder bekommen durch das Beobachten von Tieren, das Mosten von Streuäpfeln, Pflanzen von Kartoffeln und ähnlichem, sowie der Vermittlung von Grundkenntnissen über die Natur einen direkten Bezug zu Lebensmitteln, deren Herkunft, Verarbeitung und Geschmacksvielfalt. Sie werden sensibilisiert für ökologische Zusammenhänge und für eine gesunde Ernährung. Ein gesundes Vesper ohne Süßigkeiten ist selbstverständlich.
Verzicht auf informationstechnische Geräte
Immer mehr und immer jüngere Kinder leiden unter Bewegungsmangel, Fehlernährung und daraus resultierenden Beschwerden wie Übergewicht. Dieser Entwicklung beugt der Waldkindergarten Pfullingen mit viel Bewegung und Ernährungserziehung vor.
Der Waldkindergarten verzichtet in diesem Zusammenhang bewusst auf die Vermittlung von Kenntnissen über informationstechnische Geräte und die so genannte „Medienkompetenz“.
Viele Kinder verbringen heute bereits einen Grossteil ihrer Freizeit mit fernsehen, Computer spielen und Kassetten hören. Der Waldkindergarten möchte einen Gegenpol zu diesen bewegungsarmen Aktivitäten bieten und einen Ausgleich zu der medialen Reizüberflutung der Kinder schaffen, die zu Konzentrationsschwierigkeiten und Hörschäden führen kann.
Die Bedienungstechnik (Einlegen von Kassetten in Kassettenrekorder, Bedienen der Maus eines Computers etc.) kann von Kindern leicht außerhalb des Kindergartens oder zu einem späteren Zeitpunkt erlernt werden. Die dazu notwendigen Fähigkeiten erwerben die Kinder im Waldkindergarten durch die allgemeine Schulung der Feinmotorik.
Gesundheitsbildung
Die Kinder lernen wetterbedingt sehr schnell Verantwortung für ihr körperliches Wohlbefinden und ihre Gesundheit zu übernehmen, d.h. bei Kälte Handschuhe anzuziehen, weil sie sonst kalte Finger bekommen, und bei Regen die Regenjacke auszupacken, um nicht nass zu werden. Zusätzlich führen die Fachkräfte viele Projekte zur Gesundheitsbildung wie z.B. die „Herzwoche“, 1.-Hilfe-Kurse o. ä. mit verschiedenen Gruppen, z.B. Vorschülern, durch.
Die Kinder werden für Gefahrenquellen sensibilisiert, beispielsweise, dass aufgestapelte Baumstämme ins Rollen geraten können und man deswegen nicht auf ihnen balancieren darf, oder, dass Pflanzen, z.B. Pilze, giftig sein können. Sie erlernen außerdem spielerisch durch das „Händewaschlied“ Hygieneregeln wie z.B. das Händewaschen vor dem Vesper (u. a. aufgrund der Gefahr des Fuchsbandwurmes). Sie wissen, dass das „große Geschäft“ mit einem Spaten in der Erde vergraben werden muss und „kleine Geschäfte“ hinter Bäumen,
Büschen o. ä., nicht aber dort wo die Kinder spielen, erledigt werden können.
Eine große Verantwortung haben hier die Eltern, die für wald- und wettergerechte Kleidung, täglich frisches Wasser und frisch gewaschene Handtücher sorgen müssen.
3.3.2 Personale und soziale Entwicklung, Werteerziehung
Beispiel (2) für eine Spielsituation
Vier Mädchen, von denen drei relativ neu in der Gruppe sind, beschließen eine Brücke über einen mit Wasser gefüllten Graben zu bauen. Die beiden älteren Mädchen besprechen, wo die Brücke sein soll und beginnen lange Stöcke zu sammeln und über den Graben zu legen. Sehr bald merken die beiden, dass es nicht so einfach ist, Stöcke zu finden, die dick genug und nicht zu morsch sind, so dass sie nicht brechen. Zwischen den beiden älteren Mädchen scheint plötzlich eine stumme Einigung getroffen worden zu sein, denn sie beginnen die beiden jüngeren wieder mit ins Geschehen einzubeziehen. Sie nehmen sie mit zu einer Stelle, an der ein großer Haufen
mit Stöcken liegt und erklären ihnen, welche sich besonders gut zum Bau der Brücke eignen. Die Jüngeren schaffen es nicht, die Stöcke aus dem Haufen zu ziehen. Alle vier beschließen nun also, zuerst die Stöcke aus dem Haufen zu ziehen und zwar mit vereinten Kräften. Die vier Mädchen zerren nun also gemeinsam einen Stock nach dem anderen heraus. Danach trägt jede von ihnen jeweils einen Stock zum Graben und legt ihn darüber. Mit viel Ausdauer stellen alle zusammen die Brücke fertig. Die beiden Großen probieren als erstes, ob sie hält.
Es funktioniert.
Nun sind die Jüngeren dran. Sie haben beide Probleme mit dem Gleichgewicht auf der sehr unebenen Brücke. Sie überwinden die Brücke auf allen Vieren, bis eines der großen Mädchen die Idee hat, einen langen Stock in den Morast im Graben zu stecken, so dass sich die jüngeren daran festhalten können. Nun können alle Brückenbauer die Brücke problemlos überwinden.
● Stärkung der Persönlichkeit, soziale Kompetenz
Der Wald und die Gruppe bieten den Kindern vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten. Dadurch fällt es den kleinen Kindern leicht ihre Selbständigkeit und den Bezug zu ihrer Gruppe herzustellen. Sie werden von den Fachkräften darin unterstützt und angeleitet sich Schritt für Schritt an Unbekanntes heranzuwagen, um so eigene Grenzen zu erfahren und nach und nach zu erweitern.
In der Erzählung, Beispiel (2), wird dies deutlich, als die Mädchen durch eigene Erfahrungen merken, dass sich nur stabile Stöcke zum Brückenbau eignen und später bei der Erprobung der Brücke, wie sie erfahren, dass man sich durchaus selber und gegenseitig helfen kann. Die Kinder lernen so Verantwortung für sich, ihr Handeln und dessen Folgen zu übernehmen. Kleingruppen können sich in einer gewissen Entfernung zu einem intensiven und ungestörten Rollenspiel zusammenfinden, wie die vier Mädchen in der Erzählung. Selbst für das Spiel in der Großgruppe bietet der Wald den nötigen Raum.
Bei den vielfältigen Unternehmungen in altersgemischten Groß- und Kleingruppen lernen die Kinder
- einander zu helfen
- aufeinander Rücksicht zu nehmen und Verständnis zu haben
- die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu erkennen und zu vertreten
- Geduld zu entwickeln
- anderen zuzuhören
- und zu warten bis man an der Reihe ist.
● Kommunikation, Sprache
Da die Kinder im Wald kein vorgefertigtes Spielmaterial vorfinden, sondern mit den naturgegebenen Materialien spielen, muss im Gruppenspiel mehr kommuniziert und eine Einigung gefunden werden, um einen gemeinsamen Spielrahmen und Spielsinn zu entwickeln. Die zwei älteren Mädchen in der Erzählung, Beispiel (2), beschließen zunächst für sich, was zu tun ist, müssen später die beiden jüngeren einweihen, sie anleiten ohne ihre Begeisterung zu mildern, da sie auf ihre Hilfe angewiesen sind.
Der Wald als Spielraum bietet den Kindern die Möglichkeit zu ungekanntem Ausdruck. Hier dürfen sie laut sein, da im Wald Geräusche „verschluckt“ werden und auch, wenn viele Kinder gleichzeitig reden möchten, der Lärmpegel nicht so hoch ansteigen kann wie in geschlossenen Räumen. Sie haben aber auch die Möglichkeit sich zurückzuziehen.
Die Kinder haben unter anderem beim Freispiel Gelegenheit zur Kommunikation. Die Erzieher/innen fördern Basisqualifikationen wie Sprachfähigkeit, Merkfähigkeit, Aufgabenverständnis darüber hinaus gezielt durch das Singen von Liedern, durch Finger-, Sprach- und Rollenspiele etc., beispielsweise während des Morgenkreises oder kleine Theaterstücke, die bei einem Fest aufgeführt werden.
Durch das regelmäßige Vorlesen und Besprechen von Bilderbüchern werden die Kinder ebenfalls an Sprache und Schrift herangeführt.
Beispiel (3) für eine Spielsituation
„Gerade haben mein Freund Max und ich erfahren, an welchem Platz wir uns heute aufhalten werden. Es kann losgehen! Wir dürfen bis zur 1. Haltestelle rennen. Wenn alle Kinder dort sind, geht's zur Nächsten. Wer zu früh weiterläuft, wird zurückgerufen. Oft dauert es ganz schön lange, bis die Kinder hören und dann müssen alle anderen warten. Das ist doof. Jetzt geht's jedenfalls weiter bis an die Straße. Gut gucken, rüber! Wer mag, darf bis zum Indianerlager vorlaufen. Dort bleiben wir heute.
Mein Freund Max und ich wollen eine Wichtelhütte aus Stöcken bauen. Dafür brauchen wir allerhand Material: Stöcke, Rinde, Moos etc. Das müssen wir erstmal zusammensuchen. - So, jetzt können wir anfangen zu bauen. Wir haben uns einen Platz bei einem alten Baumstamm ausgesucht. Den können wir gleich als Rückwand benutzen. Der Boden ist noch feucht vom Regen in der Nacht. Die Stöcke lassen sich ganz leicht in die Erdebohren. An einer Stelle ist etwas Hartes. Mein Stöckchen ist mitten durchgebrochen, als ich draufgedrückt habe. Also müssen wir die Wand weiter nach außen setzen, wo der Boden es erlaubt. Als die Hütte fertig ist sagt Max:
‚Na prima, jetzt kann mein Wichtel (= eine Eichel) schlafen gehen.’ Aber ich wollte doch gerade meinFeuerwehrauto (= Zapfen) rein fahren! Nach einer Weile beschließen wir noch eine Garage für mich dazuzubauen. Jetzt sind wir beide zufrieden.
Beim Bauen ist mir ganz warm geworden. Ich ziehe meine Jacke aus. Endlich kann ich mein Auto parken.“
● Kognition
In Beispiel (3) sollen konkrete Entwicklungsprozesse genannt werden, die zum kognitiven Bereich gehören.
Der Wald mit seinen vielseitigen Möglichkeiten, fördert sehr stark den Einfallsreichtum der Kinder. In Gedanken erschaffen sie Hütten, Garagen und vieles mehr. Der Umsetzung eines Projekts geht die Planung voraus. Was brauchen die Kinder für Material, welcher Standort ist geeignet? Viele Kleinigkeiten müssen bedacht werden. Durch Erfolg und Misserfolg gewinnen die Kinder an Handlungskompetenz. Wenn die Erde an einer Stelle zu hart ist, muss eine andere gefunden werden. Die Kinder sind gezwungen, flexibel zu reagieren und Geduld zu entwickeln, wenn sie nicht vorzeitig aufgeben wollen. Dicke Stöcke gehen schwer in die Erde, also müssen dünne gesucht werden. D.h. die Kinder müssen ihr Material differenziert auswählen und sich auf
ihre Arbeit konzentrieren.
Merkfähigkeit und Orientierungssinn werden im eigenen Interesse geschult. Wer weiß wo der Weg zum Indianerlager langgeht, darf vorlaufen. Wer weiß wo das beste Moos liegt, muss nicht lange suchen.
Die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen: Ich schwitze, also ziehe ich mir etwas aus.
Die Sinne der Kinder werden auf vielseitige Art angeregt: Das Moos duftet, der Specht klopft, die Erde ist nass und matschig. Die Jahreszeiten verstärken die wechselnden Eindrücke. Außerdem stellt die Gruppe ihre Ansprüche an die Kinder. Regeln werden erlernt und mit der Zeit ein eigenes Gewissen ausgebildet - ein Gefühl für gerecht oder ungerecht.
Auf die Langsamen wird gewartet, für den Freund ein zweites Häuschen gebaut. Die Kinder entwickeln Einfühlungsvermögen, da sie in verschiedenen Situationen verschiedene Positionen innehaben.
Und wenn all das Lernen zu sehr angestrengt hat, bietet der Wald genug Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und in die Baumkronen zu träumen.
● Werteerziehung
Der tägliche Aufenthalt im Wald stellt einen unmittelbaren Bezug zur Natur her. Die Kinder erleben die Jahreszeiten, sie beobachten Tiere und nehmen die Natur über alle Sinne (Fühlen, Tasten, Riechen etc.) wahr. Die Vermittlung von Grundkenntnissen über die Natur (z.B. Veranschaulichung der Nahrungsketten) sensibilisiert die Kinder für ökologische Zusammenhänge. Die Wechselwirkung zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem in Sinne der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung wird veranschaulicht.
Die Erzieher/innen sind Vorbilder im Umgang miteinander und mit der Natur. Diese gelebten Werthaltungen können so von den Kindern akzeptiert und verinnerlicht werden. Durch die frühe Prägung und Sensibilisierung in Bezug auf einen verantwortlichen Umgang mit der Natur entwickeln die Kinder ein Bewusstsein für ihre natürliche Umwelt: „Was Menschen als Kinder lieben gelernt haben, werden sie als Erwachsene zu schützen versuchen.“
3.3.3 Naturwissenschaft und Mathematik
Beobachten und Benennen von Tieren und Pflanzen, Sammeln und Ordnen von und Experimentieren mit natürlichen Materialien gehören zum Alltag im Waldkindergarten. Dabei werden die kindliche Neugier und der natürliche Entdeckungsdrang der Kinder gefördert. Die Kinder können die Entwicklung vom Froschlaich zum Frosch verfolgen oder Lehmhütten bauen und deren Witterungsprozess durch Sonne, Regen und Wind erforschen. Die Erzieher/innen führen Experimente mit den Kindern durch, die physikalische oder chemische Phänomene zeigen: Wasser gefriert im Winter in den Pfützen zu Eis und kann, in ein Glas gefüllt, dieses sogar
sprengen. Violette Blüten verfärben sich rot, wenn man sie in einen Ameisenhaufen legt und die Ameisen sie mit Ameisensäure besprühen.
Differenzierte Wahrnehmung sowie Mengen- und Zahlenverständnis werden ebenfalls gefördert. Jeder Morgenkreis beginnt beispielsweise mit dem Kinderzählen. Dabei wird festgestellt wie viele und welche Kinder fehlen. In den Schnee gemalte Rechtecke lassen sich in Dreiecke teilen.
Naturmaterialien in allen Formen und Größen kann man zählen, wiegen und messen, sortieren und klassifizieren. Beim Werken und Basteln lernen die Kinder Verwendungs- und Funktionsweise von technischen Geräten, z.B. Säge, Bohrer, Messer, Hammer, Nägel und Schaufel, Schere und den praktischen Umgang damit.
3.3.4 Musische Bildung
Der Aufenthalt im Freien wirkt harmonisierend und trägt zur ästhetischen Bildung der Kinder bei. Die Kinder können sich frei bewegen und dadurch Spannungen abbauen. So kann leichter eine entspannte Atmosphäre entstehen, die einlädt zu in intensiver Kommunikation, konzentriertem Basteln, Malen, und Werken (z.B. Holzbearbeitung) und der Anregung aller Sinne.
- Der Geruchssinn wird angeregt z. B. durch die Vielfalt, durch den witterungsbedingten Wechsel und durch die Ästhetik von Farben, Formen, Strukturen der Pflanzen, Steine, Lichtspiele usw.
- Der Gehörsinn kann u. a. durch Vogelstimmen und das Rascheln des Laubs angesprochen werden.
- Der Geschmackssinn wird gefördert, wenn selbst gesammelte Äpfel zu Saft gepresst und verkostet werden o. ä.
- Die Tast- und Temperatur-Sinne werden von einer Vielzahl von Reizen angesprochen, wie kaltem, feuchtem Moos oder sonnengewärmter Baumrinde.
Die Kinder singen - oft von den Erziehern/Erzieherinnen mit der Gitarre oder Akkordeon begleitet – Lieder und basteln Instrumente wie Rasseln, Flöten und Trommeln.
3.3.5 Kulturelle Umwelten und interkulturelle Bildung
Mit Besuchen von Museen, Feuerwehr, Polizei, Kompostieranlage und anderen kommunalen und privaten Einrichtungen und Veranstaltungen wird die Begegnung mit den verschiedensten kulturellen Umwelten ermöglicht.
Das Kennenlernen einer Fremdsprache wird im Waldkindergarten Pfullingen durch das Singen fremdsprachiger Lieder, wie z.B. „Frère Jaques/Are you sleeping brother John“ gefördert. Die Erzieher/innen gehen bei bilingual aufwachsenden Kindern auf deren Zweitsprache im Kindergartenalltag ein. Manchmal kommen Mitarbeiter oder Hospitanten/Hospitantinnen selbst aus einem anderen Land.
Darüber hinaus führen die Erzieher/innen Projekte über fremde Kulturen mit Themen wie „Reise um die Welt“ oder „Indianer“ durch. Sie setzen dabei Bücher, Spiele, Bastelideen und vieles mehr rund um das jeweilige Thema ein. Auch im Wald können anhand von Gesprächen, Sachbüchern usw. Themen erarbeitet werden, die nichts mit „Natur“ zu tun haben.